CE-Fotografie

 

 

             "Seit 1917 wohnten meine Eltern im Hinterhaus der Kaiserhofstraße 12, einer kleinen Straße zwischen Hauptwache und Opernplatz.

              Dort kam ich auch zur Welt. Die Kaiserhofstraße ging nur bis Nummer 20 und verband die Hochstraße mit der fast parallel verlaufen-

              den Freßgasse, die in Wirklichkeit Große Bockenheimer Straße heißt, aber von jedermann nur Freßgasse genannt wird." (S. 27)

                     

              "Bei all ihren Vorsichtsmaßnahmen bedachte Mama jedoch nicht, daß in einer so liberalen und weltoffenen Stadt wie Frankfurt,

               in der Juden und Christen seit Jahrhunderten nebeneinanderlebten, es einmal etwas Lebensgefährliches sein könnte,

               Jude zu sein. (S. 17 f.)

  

 

                     

                 "Papa war tagsüber in der Fabrik und abends müde. Nach Feierabend holten Paula und ich ihn an der Hauptwache von der

                  Straßenbahn ab. Dann hatte er immer ein paar Bonbons oder ein Stückchen Schokolade für uns, am Freitag aber, am Zahltag,

                  auch mal eine ganze Tafel oder ein kleines Spielzeug von einem der fliegenden Händler, die an diesem Tag rings um die

                  Fabriktore gute Geschäfte machten." (S. 32)

                   

                  "Mamas Tarnübungen waren voller Widersprüche. Die meisten Bewohner des Hauses wussten, dass wir Juden waren, und

                   doch schärfte sie uns Kindern ein, es niemandem zu sagen. (S. 64)

 

 

                     

                 "Oft ging Papa mit mir in die reformierte Synagoge in der Freiherr-vom-Stein-Straße. [...] Wir gingen meistens an den jüdischen

                  Feiertagen, und selbstverständlich immer an Jom Kippur. Der Besuch der Synagoge an diesem höchsten Feiertag der Juden,

                  an dem man alle Verfehlungen des vergangenen Jahres bereut, einen ganzen Tag lang betet und dann wieder makellos da-

                  steht vor Gott, war etwas ganz Besonderes für mich. Papa nahm mich unterwegs bei der Hand, was er sonst nur selten tat,

                  und hielt mich die ganze Zeit fest." (S. 18)

 

                  "Ein Wunder ist's, Mama, daß wir aus dem Schlamassel herauskamen, und sicherlich ist es zum Teil deinem Reschel (kluger

                   Kopf) zu verdanken, denn du allein hast dir ausgedacht, wie man die Behörden und Nachbarn, Lehrer und Ärzte und wen sonst

                   noch alles hinters Licht führt - aber eben nur zum Teil, darüber hinaus auch einer gesunden Portion Masel (Glück)." (S. 87)

 

  

                     

                "Ich vergesse nie, wie Papa mit mir durch die Gräberreihen des alten jüdischen Friedhofs in der Rat-Beil-Straße ging, mir die ver-

                 schiedenen Symbole auf den Grabsteinen zeigte und erklärte, warum auf vielen Gräbern kleine Steinchen lagen." (S. 23)

 

                "Als die Marschreihen näher kamen, hörte ich deutlich, Wort für Wort, die SA Männer singen: "Ja und wenn Judenblut am Messer

                 spritzt, ei, dann geht's noch mal so gut.' Und weil das der Refrain ihres Marschliedes war, sangen sie ihn gleich zweimal hinter-

                 einander. (S. 89) [...] So wie ich konnte jeder hinhören, wenn er nur hören wollte, was die SA- Männer sangen oder besser grölten,

                 denn solche Sorte Lieder konnte gar nicht gesungen, sie musste gegrölt werden. Darum war nach dem Zusammenbruch des

                 Hitlerreiches mein Misstrauen so groß, und ist es heute noch, wenn deutsche Biedermänner, die das Tausendjährige Reich

                 gut überstanden haben, andere glauben machen wollten, sie hätten von nichts gewusst, seien selbst Opfer einer Täuschung 

                  geworden und während der ganzen Zeit ahnungslos über die wahren Absichten Hitlers gewesen." (S. 90)

                     

 

                     

             "Irgendwann einmal saßen wir in der Hecke hinter dem Opernhaus, wo wir uns nach der Vertreibung aus Anna Leutzes Wohnung

              immer trafen, als Erna plötzlich sagte: 'De Vali is'n Judd! [...] Bevor ich mich noch wehren konnte, hatte mich einer der Älteren mit

              seinem Spezialgriff gefasst, wobei er mir die Handgelenke schmerzhaft verbog, ein anderer riß mir die Hose auf und hob das Hemd

              hoch. Ich schämte mich zu Tode, weil Erna dabei war, und die anderen grölten: 'De Vali is'n Judd! De Vali is'n Judd!" (S. 54)

 

              "Wir wohnten weiter in der Kaiserhofstraße. Hitler kam, der Judenboykott, die Kristallnacht, die Judenverfolgung, der Krieg, und 

                immer sah ich die von der Clique, oft in ihren Uniformen, und sie sahen mich, sprachen sogar mit mir. Jeder einzelne hätte fragen 

                können: 'Wieso bist Du noch da? Warum trägst Du keinen Judenstern? Was ist mit Dir los? [...] Doch keiner fragte." (S. 56)              

 

 

                     

            "Ich bin sicher, daß niemand außer mir das Herunterstürzen der Kolbeplastik beobachtet hat. Von meinem Versteck konnte ich bis

             hinüber zur Zeil schauen und weiß deshalb, daß während dieser Zeit kein Mensch vorübergegangen ist. Zweifellos waren es Hiter-

             jungen, die man zu dieser Zerstörungsaktion, einer der ersten in Frankfurt, abkommandiert hatte. Doch waren sie im Früjahr 1933

             noch Anfänger und beschädigten, wie sich heraustellte, die Figuren nur leicht. Fünf Jahre später, in der 'Kristallnacht' beherrschten

             sie dann ihr Handwerk perfekt." (S. 75)

 

            "Als ich über die Konstablerwache  nach Hause ging, erfasste mich ein unheimliches Gefühl, eine Mischung aus Wut, Angst und

             Ohnmacht. Wut auf die, die schamlos solche Zerstörung anrichten, Angst, daß sie es nicht damit bewenden lassen würden, und

             Ohnmacht, selbst nichts dagegen unternehmen zu können." (S. 75)

 

                    

                

                "Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da stand und in die Flammen starrte. Ein Gefühl überwältigte mich, wie ich es bisher nicht

                 gekannt hatte: auch ich war einer von denen, die da gequält und geschunden wurden. Noch nie war es mir so deutlich ins

                 Bewusstsein gedrungen, daß ich zu ihnen gehörte." (S. 129)

 

                "Wenn ich an den gewaltsamen Tod von sechs Millionen Juden in Verbrennungsöfen, Gaskammern und bei Massenerschießungen,

                  wenn ich an das traurige Schicksal meiner Vorfahren denke, frage ich mich auch: Was für ein Gott ist das, der seine Kinder so

                  verkommen lässt?" (S. 101)

 

       

 

            "Als die Verdunklung in den Kriegsjahren das Ankleben von Handzetteln etwas erleichterte, hatte Mimi die Idee, einmal ein etwas

             größeres Plakat zu malen, auf dem mehr als nur ein kurzer Satz stand. [...] Außer 'Nieder mit Hitler' stand noch jeweils ein anderer

             Satz darauf. [...] Es war gar nicht so einfach einen geeigneten Platz zum Ankleben zu finden. Da fiel mir der Ostbahnhof ein [...].

             Alles lief so ab, wie ich es geplant hatte. Ich war sehr aufgeregt, denn ich wusste, wie gefährlich die Geschichte werden konnte."

 

             "Es war einfach dumm, mit solchen nichts bewirkenden Heldentaten unser aller Leben aufs Spiel zu setzen." (S. 160)

 

    

      

                "Wir hatten beide noch keine Lust, uns zu trennen. Darum setzten wir uns in dem geschützten Anlagenkarree des Beethoven-

                 platzes auf eine Bank, ganz eng aneinander, denn die Märznacht war kalt und wir hatten uns noch viel zu erzählen. Und dann

                 liebten wir uns , lange nach Mitternacht, auf der Bank im Anlagenkarree des Beethovenplatzes." (S. 171)

 

                 "Vielleicht hattest du wirklich Recht, Mama, und ich habe nur an mich gedacht und an mein Vergnügen. Aber da waren noch Papa,

                  Alex, Paula und du, Mama und ihr konntet von mir verlangen, daß alles, was ich tat, die Rücksicht auf euer Leben, eure Sicherheit,

                  mit einschloß." (S. 154)

     

 

                            

              "Im Personalbüro erklärten Papa die beiden Beamten, daß er vorläufig festgenommen sei und zum Verhör ins Hauptquartier der

               Geheimen Staatspolizei in die Lindenstraße mitzukommen habe. (S. 193) [...] Der Gestapokeller in der Lindenstraße war berüchtigt

               und gefürchtet. Viele Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Hitlergegner waren in ihm gefoltert und zu Aussagen über ihre

               illegalen Verbindungen erpresst worden, etliche fanden hier den Tod. Papa hatte selbst einen jungen Kommunisten gekannt,

               der sich aus Angst vor weiteren Quälereien in einer Zelle dieses Kellers erhängt haben soll. Nun hatte er auch Zeit, über die ihm

               zur Last gelegten Vorwürfe nachzudenken." (S. 195)

 

               "Daß wir einmal am Ende dieser Gasse ankommen mussten, war uns längst klar. Aber die Ungewißheit darüber, wann das sein

                würde, war zu einer kaum mehr erträglichen Belastung geworden. Und so warteten wir ruhig und fast gelassen darauf, daß man

                uns holen würde, warteten zwei, drei, vier Tage. Mama bekam wieder ihre Herzattacken und ich meine Magenkrämpfe.

                 Wir warteten Wochen und Monate. Aber nichts geschah. (S. 135)

                  

                  

                 

              "Da wir uns bereits dem Hauptfriedhof näherten, konnte ich es nicht mehr hinauszögern, den Schreiner darüber aufzuklären, daß

               ich weder eine Überführungsgenehmigung noch eine Bestätigung des Frankfurter Bestattungsamtes zur Beerdigung des Leichnams

               meiner Mutter hatte. (S. 222) [...] Ich wollte an der Rampe der Leichenhalle vorfahren, mit dem Schreiner zusammen den Sarg ab-

               stellen und die Arbeiter des Bestattungsamtes, sollten sie nach den Papieren fragen, so lange hinhalten, bis Franz Winter mit seinem

               Leichenwagen wieder abgefahren war. [...] Was konnte die Friedhofsverwaltung anderes tun, als den Leichnam behalten?" (S. 223)

 

               "In einem Meer von Lügen hast Du uns schwimmen gelehrt und uns das Lügen zum Lebenselement gemacht. Natürlich kamen

                noch tausend Zufälle und einige Wunder hinzu, doch ohne Lügen hätten auch die Wunder nichts genutzt, um unser Leben zu

                retten. Aber was war das für ein Leben!" (S. 217)

             

 

 

                     

        

                  

                  

          "Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulationsunterzeichnung, kam ich in Frankfurt an. In der Nähe des zerstörten Eisernen Stegs erreichte

          ich den Main. Alle Mainbrücken, die Frankfurt mit Sachsenhausen verbanden, waren von den deutschen Truppen bei ihrem Rückzug

          gesprengt worden." (S. 272)

             

         "Wer von uns kannte dieses Gefühl: keine Angst mehr haben? Wir Kinder hatten es nie erlebt, Mama und Papa hatten es bestimmt

          vergessen, doch wie oft hatten wir uns den Tag ausgemalt, an dem wir frei sein würden von Angst." (S. 213)

 

 

 

 

 

                    "Ich bin ich, der Sohn von Moissee Rabisanowitsch aus Nikolajew und Olga Missejewna Sudakowitsch aus Otschakow,        

             ein Ostjude, in Frankfurt geboren und aufgewachsen, und durch tausend Zufälle den Häschern des Hitlerfaschismus entgangen."

                                                                                                                (S. 66)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                          Mein Dank für die wunderbare Zusammenarbeit gilt:

                                                                                             - dem Lieraturbetrieb e.V.

                                                             - insbesondere Silke Weber für die Einbindung der Bilder in den Text

                                                         - Franziska Fink, Rebecca Kaldenbach und Eva Moser für die Organsiation

                                     - Herrn Professor Boehncke für den Kontakt zum Literaturbetrieb und Ihre generelle Unterstützung

                                                                         - Daniel Bodien für die Hilfe bei den Fotografien

                                                            - dem historischen museum frankfurt (insbesondere Frau Betz),

          sowie dem Institut für Stadtgeschichte/ Frankfurt (insbesondere Herrn Rheinfurth) für die Bereitstellung der historischen Aufnahmen

                                                                                       - Ernst Verduin für die Einblicke

                                                                          - Allen Gästen der Ausstellung für Ihr Interesse!

                                                                                   

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